Kunstaktion Art Basel 2003 © Beat Toniolo

"Joseph Beuys wo bist Du?"
Kunstaktion des Schweizer Künstlers Beat Toniolo


Die nicht bewilligten wie politisch motivierten Kunst-Performances von Beat Toniolo an der ART Basel (1999-2007) führten mehrmals zu Irritationen beim Publikum und der Messeleitung, zu Platzverweisen bis hin zu Performance-Verbote. 2003 hinterliess er an der Art vor der Rundhofhalle seine künstlerischen Spuren mit dem Schriftzug «Joseph Beuys wo bist Du». 2018 wiederholte er die Aktion anlässlich einer Vernissage in den ehemaligen Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen, in den Räumen wo bis 2014 die Raussmüller Collection gezeigt wurde. Sie Sammlung wurde 1984 auf Initiative des Schweizer Künstler Urs Raussmüller gegründet. Die Sammlung wird heute in den Raussmüller hallen in Basel gezeigt.

Wir sprachen mit dem Schweizer Polit- und Performance-Künstler über sein Verhältnis zu Beuys, seine Kunstaktionen und warum er bis heute auf der Suche nach Joseph Beuys ist.

 

Wie und wo sind Sie Joseph Beuys und seinem Werk erstmalig begehen?

Beat Toniolo: Die ersten künstlerischen Begegnungen waren in der Halle für Neue Kunst in Schaffhausen, dann im Kunstmuseum Zürich (der Klavierraum hat mich so fasziniert), und in Basel Museum...Dies war Anfang der 90iger. Seine Werke haben mich sofort "berührt", ja aufgewühlt, ohne dazumals zu wissen, warum.

„Joseph Beuys wo bis Du?“ Wie kam es dazu und warum vermissen Sie Joseph Beuys?

Beat Toniolo: Nachdem ich mich ein bisschen mehr mit dem Lebenslauf, der Person Joseph Beuys, beschäftigte, vor allem mit seinen umstrittenen Performances, dieses Polarisieren, dieses Aufwühlen, das nicht angepasste..., dann wusste ich, ER FEHLT MIR! Dass er in diesem tlw. angepassten wie vom "Kunst-Kommerz-Karussell" gesteuerten Betrieb, der Gesellschaft, keinen Spiegel mehr vorhalten kann. Ausser Thomas Hirschhorn und vielleicht noch eine handvoll Künstler*innen mehr, geben mit ihren Werken dem allgemeinen Kunstbetrieb einen Gegenpart zum Anecken wie Nachdenken, nicht einfach zum konsumieren.

Kunstaktion HvNK Schaffhausen, 2018 © Beat Toniolo

Wie hat er Sie als Bildender Künstler aber auch als Aktionskünstler in Ihrer Arbeit beeinflusst?

Sehr. Mit meinen unbewilligten und auch "nervenden" Polit-Performances an der ART Basel, seit 1999, wie der LISTE Basel (Warteck) wollte ich immer heikle wie politische Themen in die Öffentlichkeit bringen, damit nahm ich aber auch in Kauf, viel Unmut hervorzurufen. Ich mache keine Kunst, um zu gefallen, sondern weil ich dazu stehe, was ich mit der Kunst zum Ausdruck bringen möchte.

Wieviel Joseph Beuys steckt in Ihnen?

In meinen Blutwerten konnten keine Beuys-Blutplättchen festgestellt werden, jedoch fand man einen "Beuys-Virus", also bin ich "Beuys positiv".  Übrigens hat man noch "Rheinfall-Ableger" entdeckt - aber gut-ART-ig...!

Kunstaktion Art Basel 2003 © Beat Toniolo

Was was die Initialzündung, die Idee, Sinn und Zweck Ihrer ersten „Joseph Beuys wo bis du?“ Aktion anlässlich der Art Basel 2003?

Beat Toniolo: Ich machte 1996 (noch in Kriegszeit) eine Erforschungsreise mit meinem Schwager nach Sarajevo und Mostar, einerseits, da wir Familien besucht haben, welche in der Asylkoordinationsstelle in Winterthur durch meinen Schwager betreut worden sind, und nach einer gewissen Zeit wieder zurück gekehrt sind. Andererseits, da mich die Kriegsthematik in Ex-Jugoslavien seit Jahren in meinem Kunstschaffen beschäftigt hat, und ich vor Ort, ohne Beeinflussung der Medien, die Situation beobachten wollte. Nur kurz: Für mich waren es traumatische Begegnungen, welche mich noch Jahre lang beschäftigten...Ich wollte diese schlimmen Erfahrungen auch künstlerisch umsetzen, dies dann auch, aber erst später, 1999, bei den ersten unbewilligten Performances an der ART BASEL, mit gedruckten Lastwagenplanen, über welche die "Cüpli-Besucher" laufen mussten, und ich sie dann heftig anschrie, "...dass sie einfach so über meinen Krieg laufen..." Die Sujets waren übrigens S/W Bilder aus den zerbombten Städten Mostar und Sarajevo, also nicht schöne, aber wahre...

Kunstaktion Art Basel 2003 © Beat Toniolo

Wie waren die Reaktionen der Besucher?

Beat Toniolo: Meine Performances an der ART BASEL und LISTE BASEL dauerten immer um die 4 Std., welche einige aufmerksam verfolgt haben, viele kamen auch jeders Jahr, um zu schauen, was ich mir eigenartiges wieder einfallen liess. Es gab aber auch heftige Reaktionen wie auch Beschimpfungen, aber das muss man aushalten können, wenn man provoziert. Kunst muss eben nicht einfach nur schön oder ästhetisch sein, sie muss einem "berühren", muss zum nachdenken anregen.

… und die der Art Basel Verantwortlichen?

Beat Toniolo: no comment. Nur soviel: Polizei Androhungen und Verbote waren angesagt...

Kunstaktion HvNK Schaffhausen, 2018 © Beat Toniolo

2018 folgte eine zweit Aktion in Schaffhausen…..

Beat Toniolo: ...in den ehrenwerten Hallen für Neue Kunst, ja. Eine Kunst-Ausstellung von 30 Künstler*innen zum Thema "WIR SIND DAS KAPITAL", u.a. auch im Raum von Beuys` "DAS KAPITAL". Ohalätz, da waren ja einige junge Künstler*innen und Kulturinteressierte "not amused", als ich mir erlaubte, mit meinen Graphitstift aus meiner "Kulturbombe" zückend, und an die schöne weisse Wand das schrieb, was ich seit 1999  an der ART BASEL den BesucherInnen zurief und schrieb: "Joseph Beuys, wo bist Du?". Ein Affront, ein Vandalenakt, gegen die schön ästhetische Kunst im Beuys Raum. Da ja keiner wusste, in welchem Konsens meine Aktion stand, und auch keiner dies mit einem Disbut wissen wollte, blieb einfach die Meinung, ein faler Nachgout, auch heute noch: Der Toniolo ist einfach unmöglich, was der sich erlaubt hat... Schade, dass es nur so deklariert wurde, anstelle ein öffentliches Gespräch, eine Diskussion, zu suchen, WARUM ich dies tat, und WAS Kunst auch darf, oder so...!? Aber eben, somit hat sich diese "schöngeistig intellektulle Kunstaustellung" selbst geoutet, und war für mich dann auch klar: "Joseph Beuys, wo bist Du?" Aber vielleicht kommt ja mal die Zeit, die Möglichkeit, die Hintergründe von  "Joseph Beuys, wo bist Du?" in einer Ausstellung zu zeigen, bin da zuversichtlich.

"Die "Reinigungsaktion" von meinem Schriftzug "Joseph Beuys, wo bist Du?" fand dann eine Woche später statt: Mit einigen Radiergummis, Handschuhen, weisser Farbe und weissen Blätter ausgerüstet, habe ich dann den Initianten der Kunstausstellung mein Versprechen eingelöst, diesen "öffentlichen Vandalenakt" schön säuberlich abzutragen und mit weisser Farbe tiptop zu überstreichen. Die über 4 stündige "Reinigungsaktion" habe ich als Beweis per Video aufgenommen, dass nachher die Wand viel weisser war als vorher...Es gab aber auch einige Finger Blessuren und den abgerubbelten Gummi konnte ich, sammelnd auf den weissen Blättern, in eine kleine "Acryl-Urne" leeren: Jetzt bin ich mit Joseph`s Gummiresten in einer Urne verpackt.

Hat diese Wirkung gezeigt, ein Nachdenken losgetreten, warum die Stadt und der Kanton Schaffhausen nicht mehr um den Erhalt und das Verbleiben der Raussmüller Sammlung gekämpft hat?

Beat Toniolo: Das ist wahrlich ein komplexes Thema, ein jahrelanger Rechtsstreit, finanzielle Fragestellungen, Ressentiments, welche in einem oder mehreren Sätzen nicht einfach so geklärt werden kann. Es war ein Kampf, auf beiden, vielen Seiten, und am Schluss gabs nur Verlierer. Schade für die Sache. Darüber könnte ich auch noch einige Storys erzählen, lassen wirs lieber... Und kümmern uns um die Dinge, für welche es sich lohnt, zu kämpfen: FÜR DIE KUNST + KULTUR!

Fehlt Sie in der Kulturlandschaft Schaffhausen?

Beat Toniolo: Ja, auch wenn es für viele nur ein teurer "Leuchtturm" in Schaffhausen war, den man nicht einfach so besteigen und erfassen wie verständlich machen konnte, für mich war es immer eine spezielle "Insel der Kunstgenies"...Ein Abtauchen in Kunsträumen, denen man den Geist der Künstler angemerkt hat, dass sie GERADE DURCH UND MIT den dort hergestellten Werken ein Leben eingehaucht worden ist, was einer Ausstrahlung entsprach, die wirklich einzigartig war.

Alle Bilder und Videos © Beat Toniolo, es sei denn anders gekennzeichnet.

Das Gespräch führte Kai Geiger