Alfred Vogel © Bezau Beatz

ALFRED VOGEL, Bezau, Schlagzeuger, Festival-Kurator (Bezau Beatz), Label-Betreiber (Boomslang Records)

#coronawiegehts

Es geht mir sehr gut. Heute Abend werde ich meinen 2. Livestream spielen - Es ist nun fast ein ganzes Jahr her und seit dem hat sich mein alltägliches Leben drastisch verändert: Ich war seit Jahren nicht mehr so lange an ein und demselben Ort (also zuhause) und habe soviel Zeit mit mir selbst verbracht. Teilweise habe ich monatelang mit keinem anderen Musiker gespielt (nur mit meiner Tochter, mit der ich auch an einem Album arbeite. Sie ist 15 Jahre alt und schreibt wunderschöne Songs. Als H.E.D.Y. haben wir soeben ihre erste Single digital veröffentlicht. 

Ich habe schon lange nicht mehr soviel geübt und bin eigentlich richtig gut in Form. Aber was einem abgeht merkt man nach dieser langen Spielpause erst, wenn man endlich wieder einmal unterwegs ist und mit anderen Musikern spielen kann - das Publikum fehlt allerdings nach wie vor. Es ist gerade im Jazz ein so wichtiger Bestandteil einer Performance. „Swing“ bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung: die Schwingungen zwischen Künstlern und Publikum - die zwischenmenschlichen Schwingungen fehlen am meisten. 

Da ich existentiell durch meine Frau aufgefangen werde,  spüre ich diese Art der Bedrohung nicht so direkt wie leider viele meiner Kollegen. Deswegen versuche ich auch nach wie vor, das Bezau Beatz Festival wieder in irgendeiner From durchzuführen - die letztjährige Ausgabe hat mir gezeigt, wie sehr es doch noch einige Menschen gibt, die sich nach kulturellen und künstlerischen Inhalten sehnen. Mit meinem Label Boomslang Records habe ich auch ein paar neue Release am Start - die einerseits natürlich sehr darunter leiden, dass wir diese nicht live verbreiten können. 

Insgesamt steigt aber meine Hoffnung, dass bald wieder Lockerungen und eine Rückkehr zu einer neuen Normalität möglich sein werden. Allerdings grüble ich oft über die Frage, wie sich Kunst bzw. Musik zukünftig noch überhaupt monetisieren lassen wird ...

#coronawaskommt

Wie schon erwähnt denke ich, dass bestimmte Lockerungen, das Frühjahr und auch die Impfsituation dafür sorgen werden, dass bestimmte kleine Veranstaltungen möglich sein werden. D.h. man muss als Künstler und Veranstalter sehr flexibel sein und jede Chance wahrnehmen. Schon letztes Jahr hat gezeigt, dass eine Art „Musik-Guerilla“ am besten funktioniert hat: Leute, die von heute auf morgen ihren Kram packen können und loslegen können. Pläne zu machen bleibt wohl weiterhin schwierig - ich hatte eigentlich immer irgendwelche Pläne und Einträge in meinem Kalender. Aber man ist es auch leid, wenn am Ende alles wieder abgesagt wird. 

Natürlich muss man auch unsere ganze Gesellschaft und Kultur in Frage stellen - die persönliche CO2 Bilanz von einem vielbeschäftigten Musiker ist nicht unbedingt lobenswert - wenn man ständig durch ganz Europa fliegt um am Ende dann vor einem relativ kleinen Publikum spielt, welches sich zwar ernsthaft für diese Musik interessiert … wieso kann ich zuhause nur wenige Male mit meiner Musik auftreten? Wieso sind Großevents so beliebt? Die Bezau Beatz hatte ich immer schon so angelegt, dass das Festival eine gesunde Größe erreicht - was wir auch 2019 geschafft haben. Letztes Jahr haben wir es gezwungener Massen auf 100 Personen limitiert und beste Erfahrungen damit gemacht … 

Bescheidenheit und Demut wird wohl wieder gefragter als die Superlative ...

#coronawasbrauchts

Kultur wird es immer geben - aber die Frage ist bzw. war schon immer, was für eine Kultur wir haben wollen: eine eintönige, oder vielfältige?Bevorzugen wir die kollektive Berauschung einer Großveranstaltung oder die unmittelbare Auseinandersetzung mit kulturellen Inhalten im Kleinen. 

Der  zwischenmenschliche Austausch ist und bleibt für eine kulturelle Entwicklung wichtig. Sonst werden wir in Bälde eine isolierte Gesellschaft haben, in der das Individuum vereinsamt zuhause mit dem Daumen über Oberflächen wischt. Eine furchtbare Vorstellung. Schon vor Covid war es schwierig, junge Leute von Youtube wegzubekommen und sie für wirkliche Live-Musik zu begeistern … das wird meine Motivation auch in Zukunft bleiben: das echte Hörerlebnis, das Live-Erlebnis zu vermitteln. Solange ich kann, werde ich das in gegebenem Rahmen vermitteln. 

Ein eigentlich sarkastischer Jazz-Spruch geht so: „Ich gebe immer mein Bestes, egal wieviel Zuhörer ich habe - seien es 5 oder … 10“

Solange also Künstler da sind, die kreativ sind, wird es ein Angebot geben - aber es liegt an den Konsumenten, was sie dann letztlich auch sehen oder hören wollen. Ökonomisch ist das dann eine viel komplexere Frage. Kultur wollen eigentlich alle, bloss zahlen will am liebsten niemand - das sehen wir ja auch in Hinblick auf die digitale Disruption. 

Alfred Vogel © Bezau Beatz
© Bezau Beatz
© Bezau Beatz
© Bezau Beatz