100 Jahre Donaueschinger Musiktage 
14. - 17.10.2021
27 Uraufführungen, acht Klanginstallationen 

Die Donaueschinger Musiktage werden 100 Jahre alt. Für Björn Gottstein, den Künstlerischen Leiter der Musiktage, kommt dies einer kleinen Sensation gleich. „Welches Musikfestival kann schon von sich behaupten, das Musikleben ein Jahrhundert lang maßgeblich geprägt zu haben?“ Und so gilt es, im Jubiläumsjahrgang zurückzuschauen und gleichzeitig den Blick nach vorne zu richten. Denn für Björn Gottstein „soll dieses Jahr nicht nur das Ende der ersten, sondern auch der Startschuss für die nächsten 100 Jahre sein.“ Die Rückschau auf die bewegte Geschichte des Festivals vollzieht sich vor allem in Form von Installationen, Publikationen und einer Ausstellung, aber auch durch die Aufführung von Werken, die für die Historie der Musiktage von besonderer Bedeutung waren. Für den Blick nach vorne stehen 27 Uraufführungen, die die Bedeutung der Musiktage als Uraufführungsfestival unterstreichen. Für Björn Gottstein steht fest: „Man kann 100 Jahre Donaueschingen nur feiern, indem man Experimente, Unvollendetes und Unabgeschlossenes auf die Bühne bringt.“

Orchester Philharmonique du Luxembourg © ARD Foto

Festakt, Chor und Orchester

Die Donaueschinger Musiktage dauern in diesem Jahr erstmals volle vier Tage und beginnen am Donnerstag, den 14. Oktober mit einem Festakt, der musikalisch vom Quatuor Diotima gestaltet wird. Zur Aufführung gelangen mit dem Kopfsatz des dritten Streichquartetts von Paul Hindemith und einem neuen Werk von Mikołaj Laskowski zwei Kompositionen, die einen Bogen von 1921 bis 2021 spannen. Im nachfolgenden Eröffnungskonzert stellt das SWR Vokalensemble unter der Leitung seines Chefdirigenten Yuval Weinberg gemeinsam mit dem JACK Quartet ein abendfüllendes Werk für Chor und Streichquartett von Chaya Czernowin vor. Das erste von vier Orchesterkonzerten gestaltet noch am gleichen Abend das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Brad Lubman mit Werken von Annesley Black, Maja S. K. Ratkje und Beat Furrer. Beide SWR Ensembles sind zusammen mit dem IRCAM und dem Chorwerk Ruhr unter der Leitung von Sylvain Cambreling auch am Abschlusskonzert beteiligt, wenn Francesco Filideis Oratorium „The Red Death“ seine Uraufführung erlebt. Erstmals sind zwei weitere groß besetzte Sinfonieorchester in Donaueschingen zu Gast. Unter der Leitung von Ilan Volkov spielt das Orchestre Philharmonique du Luxembourg Werke von Enno Poppe, Liza Lim, Stefan Prins und Misato Mochizuki, im Konzert des Lucerne Festival Contemporary Orchestra unter Baldur Brönnimann erklingen Kompositionen von Milica Djordjević und Christian Mason sowie die historische Wiederaufführung der „Polyphonie X“ von Pierre Boulez, die bei ihrer Uraufführung 1951 in Donaueschingen einen veritablen Skandal auslöste. Als drittes SWR Ensemble hebt das SWR Experimentalstudio am Freitag, den 15. Oktober gemeinsam mit dem Trio Accanto Werke von Hannes Seidl, Eivind Buene, Lisa Illean und Rebecca Saunders aus der Taufe.

SWR Vokalensemble © ARD Foto

Donaueschinger Musiktage 2017 Codec Error © SWR Ralf Brunner

Spektakel im Freien und Musiktheater

Ein echtes Spektakel im Freien lässt die Landschaftskomposition „DONAU / RAUSCHEN“ von Daniel Ott und Enrico Stolzenburg erwarten. Diese wird ganz Donaueschingen zum Klingen bringen und bezieht neben Donaueschinger Musikgruppen auch Kapellen aus den Anrainerländern der Donau ein. Gleich drei musiktheatralische Produktionen erwartet das Publikum der diesjährigen Musiktage: François Sarhans Nachtstück „EPHÉMÈRE ENCHAINÉ“ entlässt die Besucher*innen am frühen Morgen in den Tag, Johannes Kreidlers Filmmusik „20:21 Rhythms of History“ lässt viele sonst vernachlässigte Aspekte der Neuen Musik zu ihrem Recht kommen und Pierre Jodlowski hat mit „Alan T.“ ein multidimensionales und -mediales Stück geschrieben, das zwischen Mensch, Maschine und Gesellschaft changiert.

Jazz und Klangkunst

Bei NowJazz treffen beim Duo LABOUR düster-dystopische Klänge auf die Dramatik traditioneller persischer Melodien und Poesie, beim Duo Thomas Lehn und Marcus Schmickler trifft ein Pianist und Synthesizerspieler auf einen Computermusiker und Komponisten. Gleich acht Klangkunst-Installationen sind im öffentlichen Raum Donaueschingens zu erleben. Sie alle setzen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Geschichte der Musiktage und Neuer Musik auseinander.

Donaueschinger Musiktage 2018 Poppe © SWR Ralf Brunner

Donaueschingen global

Installationen von Em’kal aus Kamerun und dem Duo Pungwe aus Namibia und Zimbabwe sind Bestandteil von „Donaueschingen global“, ein im Jahr 2019 initiiertes Forschungsprojekt zur Reflexion zeitgenössischer und experimenteller Musik im außereuropäischen Kontext. Vier Experten für globale Kunstmusik bereisten im Rahmen dieses Projekts ländliche und urbane Regionen Südamerikas, Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens, um außerhalb bekannter Netzwerke und Institutionen zeitgenössische Musik zu erforschen und zu diskutieren. Die Ergebnisse ihrer Recherchen werden im Rahmen der Donaueschinger Musiktage 2021 auch in Konzerten, Performances, Diskussionen und Vorträgen präsentiert.

anna Hartman, Karl-Sczuka-Preis1 © ARD Foto

Hanna Hartman erhält den Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst 2021

Der Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst 2021 geht an die schwedische Klangkünstlerin, Komponistin und Performerin Hanna Hartman für ihr Hörstück „Fog Factory“. Die Auszeichnung wird vom Südwestrundfunk vergeben und ist mit einem Preisgeld von 12.500 Euro verbunden. Der Preis wird im Rahmen der 100. Donaueschinger Musiktage im Oktober verliehen.

Hanna Hartmans freie Autorenproduktion „Fog Factory“ im Auftrag der SEAMS (Society for Electroacoustic Music in Sweden) wurde im Oktober 2020 beim „Echoes around me Festival“ in Wien uraufgeführt.

Die Verleihung findet am 17. Oktober im Rahmen der Donaueschinger Musiktage 2021 statt. Einen Mitschnitt und das Preisträgerstück sendet SWR2 am selben Abend. Ab diesem Zeitpunkt ist es auf diesen Seiten des Karls-Sczuka-Preises auch online verfügbar.

Björn Gottstein © SWR Donaueschinger Musiktage

INTERVIEW 

Wir sprachen mit Björn Gottstein anlässlich der Donaueschingen Musiktage 2019. Björn Gottstein ist seit 2015 Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage

Viele Wochen der Unsicherheit, ob das Festival stattfinden kann oder nicht liegen hinter Ihnen. Wie hat dies die Planungen und Ihre persönliche Arbeit beeinflusst?

Björn Gottstein: Natürlich kuratiert das Virus mit. Wir haben in den vergangenen Monaten vor allem gelernt, Eventualitäten in Konzertkonzepte einzubauen. Die Werke sollen auch unter schwierigen Bedingungen aufführbar sein. Man sieht es vielleicht an den Besetzungen, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – oft kleiner Ausfallen als sonst.

Wie froh sind Sie mit einem Festival in Präsenz in Donaueschingen aufhören zu können?

Björn Gottstein: Die Donaueschinger Musiktage werden 100 Jahre alt. Dies nicht gemeinsam feiern zu können, wäre schlimm gewesen.

Ist es der richtige Zeitpunkt aufzuhören und läuten Sie mit ihrem Weggang eine Phase der Künstlerischen Leitung in kleineren Zeitintervallen ein? Ihre beiden Vorgänger Josef Häusler (17 Jahre) und Armin Köhler (22 Jahre) waren zeitlicher sehr viel länger im Amt?

Björn Gottstein: Ja, es ist der richtige Zeitpunkt. Schon im Vorfeld war klar, dass die Festivalleitung zeitlich begrenzt werden soll. Ich werde, wenn ich gehe, an sieben Festivaljahrgängen teilgehabt haben. Das ist eine hinreichende Zeit. Der Wechsel in der künstlerischen Leitung wird auch dem Festival gut tun.

100 Jahre Donaueschingen – eine Sensation, wie Sie es selbst diese Tage formuliert haben. Was ist die Sensation und was macht den Erfolg und die Standfestigkeit des Festivals und des Genre Neue Musik aus?

Björn Gottstein: Die Sensation ist, dass eine Veranstaltung, die zunächst doch etwas esoterisch gewirkt haben muss und zudem nicht in einer Metropole, sondern in einer kleinen Stadt im Schwarzwald stattfindet, ein solches Renommee genießt. Die Neue Musik galt lange als eher verschrobene Kunstform. Die Donaueschinger Musiktage haben doch dazu beitragen können, dieser Kunstform eine gewisse Aufmersamkeit zuteil wird.

Haben sich die Donaueschinger je mit dem Festival angefreundet und identifiziert. Ich kann mich an eine Unterhaltung im Bräustüble erinnern, wo sich zwei Männer zuriefen „Die Verrückten sind wieder in der Stadt“?

Björn Gottstein: Ich spüre in der Stadt einen großen Rückhalt und auch einen gewissen Stolz, dass man einmal im Jahr im Mittelpunkt des Kulturlebens steht. Deswegen muss nicht jeder Donaueschinger Neue Musik hören. Aber wenn wir schauen, wie gut z. B. die Klanginstallationen angenommen werden, dann erkennt man doch auch eine große Neugier.

Was ist Ihr persönliches 100 jähriges-Abschieds-Highlight im diesjährigen Programm?

Ich freue mich besonders, dass wir das Projekt Donaueschingen Global realisieren konnten. Aufgrund der Recherche des Global-Teams konnten wir in diesem Jahr Musiker und Komponisten aus der gesamten Welt, von Bahrain bis Peru, von Thailand bis Namibia einladen.

Nach dem Festival hören Sie nach 7 Jahren als Künstlerischer Leiter in Donaueschingen auf. Eine persönliche Bilanz?

Björn Gottstein: Es waren sieben großartige Jahre. Und die Freude darüber, so viel Musik ermöglicht zu haben, ist immens. Ich hoffe, dass ich dem Festival einige Impulse verleihen konnte.

Sie wechseln zu Anfang 2022 als Geschäftsleiter des Kuratoriums zur Ernst von Siemens Kulturstiftung. Was erwartet Sie dort für Aufgaben und bleiben Sie der Neuen Musik, die Sie seit vielen, vielen Jahren auch schon vor den Donaueschinger Musiktagen verbunden sind, erhalten?

Björn Gottstein: Die Ernst von Siemens Musikstiftung ist eine der wichtigsten Kulturinstitutionen. Und sie widmet sich ja hingebungsvoll insbesondere der Neuen Musik. Ich freue mich darauf, für die Stiftung etwas zum Musikleben beitragen zu können.

BJÖRN GOTTSTEIN

SWR2-Redakteur für Neue Musik, folgte 2015 als Künstlerischer Leiter dem im November 2014 verstorbenen Armin Köhler, der die Geschicke der Donaueschinger Musiktage 22 Jahre lang gelenkt hatte. Björn Gottstein ist seit 2013 als Redakteur für Neue Musik bei SWR2 tätig und verantwortete seitdem die Konzertreihe "attacca". Er war außerdem einer der künstlerischen Leiter des Stuttgarter ECLAT-Festivals. Der 46-jährige, in Aachen geborene Musikwissenschaftler arbeitete zunächst als freier Journalist und seit 2009 auch als Veranstalter. In dieser Tätigkeit thematisierte er Fragestellungen wie die nach Musik und Armut (Audio Poverty, 2009), Musik und Transzendenz (Lux Aeterna, 2011) und nach der musikalischen Interpretation (Faithful, 2012). Als Journalist und als Kurator galt sein Interesse stets auch den Randbereichen der Neuen Musik und dem Genre-übergreifenden Experiment. Gottstein war Kritiker der Tageszeitung "taz" und schrieb außerdem für viele der maßgeblichen nationalen und internationalen Musikzeitschriften. Als freier Autor hat er außerdem für alle großen ARD-Anstalten, für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio gearbeitet. 2006 erschien sein Buch "Musik als Ars Scientia" (Pfau-Verlag). Er unterrichtete an der TU Berlin, bei den Darmstädter Ferienkursen, an der Hochschule für Musik Basel und an der Universität der Künste Berlin. Er war Mitglied zahlreicher Jurys, darunter des Giga-Hertz- Preises des ZKM und des Kompositionspreises der Landeshauptstadt Stuttgart. Außerdem engagierte sich Gottstein kulturpolitisch, als Vorstandsvorsitzender der "Initiative Neue Musik" leitete er von 2009 bis 2013 die Geschicke der freien Musikszene in Berlin.