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BRITISCHES KÜNSTLERPAAR LÄDT ZU EINEM KLANGFEST DER ZWISCHENTÖNE
Max Richter und Yulia Mahr haben zu ihrem »Elbphilharmonie Reflektor« vom 8.-10. Oktober viele spannende Gäste zwischen Post-Klassik, Jazz und Elektronik eingeladen

Max Richter ist einer der erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart. Seine Frau Yulia Mahr ist Filmemacherin und bildende Künstlerin und erschafft zu vielen seiner Werke immer wieder kongeniale Verschränkungen von Klang und Bildern. Die Einladung zu einem mehrtägigen Gastspiel in der Elbphilharmonie im Rahmen der exklusiven Reihe »Reflektor« hat das britische Künstlerehepaar mit einem gemeinsam kuratierten, spektakulär feinsinnigen Programm beantwortet. Nach dem rein digitalen Auftakt mit einem nächtlichen Livestream von Richters Langzeitkomposition »Sleep« aus der Elbphilharmonie entfalten sich die vielen Facetten des »Reflektors Max Richter & Yulia Mahr« ab Freitag in beiden Sälen des Hauses drei Tage lang vor Publikum. Zu den Festival-Gästen zählen etwa das Finnish Baroque Orchestra und das American Contemporary Music Ensemble, Jason Moran / Christian McBride und das Portico Quartet, Shida Shahabi und Daniel Brandt, Jlin und Kali Malone, Elisabeth Brauß und Pamela Z. Zudem steuert Yulia Mahr mit »Studio Diary« eine brandneue Videoinstallation bei, die im Kaistudio 1 ihre Uraufführung erlebt und für die Dauer des »Reflektors« dort im Loop gezeigt wird.

Max Richter © Yulia Mahr, Deutsche Grammophon
Max Richter © Mike Terry

Ode an die gute Nacht: »Sleep«

Auf den ersten Blick erscheint es paradox, für den Nachtschlaf des Menschen eine musikalische Begleitung zu ersinnen. Gute-Nacht-Lieder zum Einschlafen, ja. Aber dann? Braucht der schlafende Mensch nicht vor allem Stille, um sich zu regenerieren? Nicht nur die Entstehungsgeschichte der Goldberg-Variationen von Bach zeigt, dass mancher wohlgeordnete Klang auch dem Schlaf sehr förderlich sein kann. Überhaupt hat die Nachtseite des Lebens, der Traum, die Anderswelt des Schlafs auch Komponisten von jeher zu vielerlei Werken angeregt.

Mit seiner Langzeit-Komposition »Sleep« hat Max Richter 2014 eine radikal entschleunigte Klang-Medizin vorgelegt, die als heilsames Gegengift perfekt in unsere von konstanter Überinformation geprägte Welt zu passen scheint. Ausgestaltet als »Landschaft für den schlafenden Geist« (Richter) und manche Erkenntnisse der Schlafforschung berücksichtigend, bietet »Sleep« rekordverdächtige achteinhalb Stunden lang ruhig dahinpulsierende Instrumentalmusik, gespielt auf Klavier, Elektronik, zwei Violinen, einer Viola und zwei Celli und mit instrumental eingesetzter Singstimme. Die fünf Streicher bilden das American Contemporary Music Ensemble (ACME), das das Werk uraufgeführt und viele Male live gespielt hat, die Singstimme gehört Grace Davidson, die bislang ausnahmslos alle Performances mitgestaltet hat. Sehr tiefe Frequenzen, repetitive Strukturen, ultralangsame Tempi – was von Max Richter am Klavier und auf den Keyboards schon hohe Ausdauer und Konzentration verlangt, fordert den Streichern nochmal erheblich mehr Disziplin und gesammelte Entspannung ab.

Seit seiner Uraufführung vor sieben Jahren hat »Sleep« gleichermaßen die Konzertsäle wie die Schlafzimmer der Welt erobert. Etwa 30-mal live aufgeführt, eröffnet eine Performance des Werks im Kaistudio 1 ausschließlich vor Filmkameras den »Elbphilharmonie Reflektor Max Richter & Yulia Mahr« als Livestream. Einmal zum Preis von 12 Euro erworben, kann der Stream bis zum 3. Januar 2022 beliebig oft und zu jeder gewünschten Uhrzeit angeschaut werden (6.10., 23.30 Uhr, nur online). Der Ticketverkauf hierfür, ebenfalls nur online, beginnt am Montag, den 20. September, 11 Uhr (https://www.elbphilharmonie.de/de/mediathek/max-richter-sleep/617).

Im Großen Saal: Viermal Max Richter live im Cinemascope-Format

Weltruhm erlangte Max Richter 2012 mit »Recomposed: Vivaldi – The Four Seasons«, seiner Neubearbeitung der »Vier Jahreszeiten« des venezianischen Barock-Stars Antonio Vivaldi. Sie gilt als Referenzwerk für den gleichermaßen respektvollen wie freien Umgang zeitgenössischer Musiker mit Hits (und weniger bekannten Stücken) aus dem klassischen Repertoire. Einzelne Nummern aus »Recomposed« wurden etwa beim Musikstreaming-Portal Spotify mittlerweile in hoher zweistelliger Millionenzahl abgerufen. Zum »Reflektor«-Festival hat Richter seinen größten Hit mit dem Finnish Baroque Orchestra und Antti Tikkanen (Violine und Leitung) erarbeitet. Er selbst steuert die Live-Elektronik (8.10. 18.30/21 Uhr, Großer Saal).

Am zweiten Tag des »Reflektors« stellen Richter und Mahr sinnfällige Korrespondenzen zwischen Max Richters (auch) politisch inspiriertem Stück »Infra« und zwei Werken des zwischenzeitlich nahezu vergessenen US-Komponisten Julius Eastman her. »Infra« entstand 2008 im Nachhall der Terroranschläge vom 7. Juli 2005 in London, wurde vom Royal Ballet London in Auftrag gegeben und markiert die erste Zusammenarbeit zwischen Max Richter und dem Choreografen Wayne McGregor. Das American Contemporary Music Ensemble spielt das Werk gemeinsam mit Richter am Klavier, der zudem die Elektronik steuert.

Julius Eastman (1940-1990), als bekennender Homosexueller schwarzer Hautfarbe im Amerika der 60-er, 70er-Jahre halb Orchidee, halb Outcast, trat mit Werken wie »Evil Nigger«, »Crazy Nigger« oder »Gay Guerilla« ihren Titeln nach dem heteronormativen und weiß dominierten Klassik-Betrieb provokant entgegen. Nach eigener Aussage aber suchte der Komponist in seinen »Nigger«-Stücken neben der Reibung vor allem nach einer »organischen Musik«, die die Schwarzen als grundlegende Subjekte der Geschichte der USA würdigt - als diejenigen Menschen, die als Feld- und Industriearbeiter von jeher für die ökonomische Basis des Landes sorgten und sorgen.

Eastmans vielversprechende künstlerische Laufbahn währte leider nur kurz, sie fiel seinem steigenden Alkohol- und Drogenkonsum zum Opfer. Doch im Wandel der Zeiten findet sein schmales Oeuvre, stilistisch zwischen Minimal Music und Einflüssen von John Cage angesiedelt, neuerdings verstärkt Eingang in Konzertprogramme, nicht nur in den USA. Das Ensemble Resonanz spielt, verstärkt um die beiden Cellistinnen von ACME, Clarice Jensen und Emily Brausa, »The Holy Presence of Joan d’Arc«, für zehn Celli bearbeitet von der ACME-Leiterin Clarice Jensen, sowie »Stay On It«. Die musikalische Leitung hat Kevin John Edusei (9.10., 16 Uhr, Großer Saal).

Max Richters und Yulia Mahrs jüngstes groß besetztes Werk trägt den Titel »Voices« (2020). Es ist für Orchester, Chor, Elektronik, Solosopran, Solovioline und Klavier geschrieben und verwendet vorzugsweise Streicher im tiefen Register, also Celli und Kontrabässe, und nur wenige Geigen. Voller Sorge über den Zustand von Welt und Erde erschien Richter diese Umkehrung des herkömmlichen Streicherapparats im Orchester als angemessene klangliche Entsprechung für unseren vielerorts aus den Fugen geratenen Lebensraum. Textlich ging es den beiden um nichts Geringeres als die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, wie sie von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York am 10. Dezember 1948, drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, verkündet wurde. Richter und Mahr ließen den Text in über 70 Sprachen von Hunderten per Crowdfunding hierzu animierten Menschen einsprechen. Die Aufführung mit dem Ensemble Resonanz, einem Vokalensemble, Grace Davidson (Sopran), Elena Urioste (Violine) Max Richter (Klavier, Live-Elektronik) sowie Birgit Minichmayr (Sprecherin) wird in Kooperation mit der Konzertdirektion Dr. Goette veranstaltet, bildet den energetischen Höhepunkt des »Reflektors« und zugleich seinen Abschluss. Die musikalische Leitung hat wiederum Kevin John Edusei, der sein Elbphilharmonie-Debüt gibt (10.10., 20.00, Großer Saal).

Jlin © Madhumita Nandi

Drei aufregende Variationen von elektronischer Musik

Ganz unterschiedliche Herangehensweisen an elektronische Musik bieten drei der fünf solistisch auftretenden Frauen, denen Richter & Mahr in ihrem »Reflektor«-Programm die Bühne bereiten: Die Schwedin Shida Shahabi gibt dem seit einiger Zeit so beliebten gedämpften Klang eines betont unvirtuos gespielten Klaviers im Stile von Nils Frahm, Lambert oder Ólafur Arnalds mit einem feinen Sound-Processing ihre unverwechselbare Signatur. Zuletzt hat sie sich auf diese Weise ebenso fragmentarisch wie essenziell der Beethoven-Sonate »Les adieux« angenähert. Shahabi teilt sich den frühen Abend des ersten »Reflektor«-Tages mit dem Schlagzeuger und Komponisten Daniel Brandt. Der hat mit Brandt Brauer Frick vor zehn Jahren Wegweisendes in Sachen Club-Musik auf akustischen Instrumenten geleistet. Nun bringt er im Trio mit Florian Juncker (Posaune) und Pascal Bideau (Gitarre, Bass) sein Album »Channels« auf die Bühne des Kleinen Saals (Doppelkonzert, 8.10., 18 Uhr).

Die Kanadierin Sarah Davachi nährte ihre Passion für entlegenere historische wie zeitgenössische Keyboards vom Spinett bis zum Mellotron zunächst eher aus instrumentenkundlichem Blickwinkel. Inzwischen hat sie als Musikerin mit hoch entwickeltem Klangsinn eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Kurz vor Beginn der Pandemie war sie Gast der Elbphilharmonie-Reihe ePhil, die damals noch im Bunker Feldstraße lief. Auf Anregung von Max Richter und Yulia Mahr hat sie für ihr »Reflektor«-Gastspiel die Vertonung eines Films in Angriff genommen. Ihre Wahl fiel auf eine künstlerische Doku aus dem Jahr 1984 mit dem Titel »Antonio« über den legendären Architekten Antoni Gaudí, der parallel zu ihrem Live-Set auf der Leinwand gezeigt wird (9.10. 14 Uhr, Kleiner Saal).

Die US-Elektronik-Ikone Jlin schließlich eröffnet das Nachtkonzert am zweiten Abend im Großen Saal. Den Weg zu elektronischer Musik fand sie über ihre Liebe zum Soul der 80er-Jahre und zum Footwork, einem Tanz- und Musikstil, der sich zur selben Zeit als eine Form der Electronic Dance Music in Chicago entwickelte. Mit dem kunstvoll gebastelten Stück »Erotic Heat« glückte ihr vor zehn Jahren ein großer Sprung nach vorn. In Hamburg war Jlins Musik zuletzt als Soundtrack des Tanzstücks »Fire in the Air of Earth« von Kyle Abraham beim Internationalen Sommertheater Kampnagel im August 2021 zu erleben.

Den zweiten Teil des Konzerts bestreitet die Organistin Kali Malone, die ihre hypnotisch-meditative Musik mit teilweise extrem lang gehaltenen Tönen und Klängen aus den vier Manualen, dem Pedalwerk und den 4765 Pfeifen der mächtigen hauseigenen Klais-Orgel zaubern wird. Ungeachtet des eminent langsamen Tempos ihrer Musik attestiert Yulia Mahr Kali Malone in ihrem Tun eine deftige Punkrock-Attitüde (Doppelkonzert, 9.10., 22 Uhr).

Brauss Elisabeth © Monika Lawrenz

Sternenmusik

Auch am ersten Abend lockt ein Nachtkonzert: Die junge Pianistin Elisabeth Brauß, die Max Richter als Interpretin bei seinem Projekt »Beethoven 2020« nachhaltig beeindruckte, spielt unterm Sternenzelt der Deckenbeleuchtung des Kleinen Saals ein Klaviersolowerk des estnischen Komponisten Urmas Sisask, »Starry Sky Cycle«. In 29 Nummern erweist Sisask, zeitlebens auf der Suche nach einer »kosmischen Harmonie«, hier allerlei Sternbildern seine Reverenz. Sisask ist dem Kosmos alltäglich besonders nah: Sein Kompositionsstudio befindet sich in einem Sternenturm genannten Refugium eines Landhauses unweit von Tallinn (8.10., 22.30 Uhr).

Ein Mittagskonzert am Sonntag macht ein breiteres Publikum zum einen mit hierzulande noch kaum je aufgeführten Streichquartetten zeitgenössischer US-amerikanischer Komponistinnen und Komponisten bekannt, zum anderen mit der faszinierenden Klangkunst der komponierenden Performerin Pamela Z. Im ersten Konzertteil spielt ein aus Mitgliedern des ACME gebildetes Streichquartett Werke von Caroline Shaw, vom ACME-Geiger Caleb Burhans und von Pamela Z. Die Musik weist neue Wege in ein nahe der Trance angesiedeltes Terrain, auf dem sich Spuren von Steve Reich und Arvo Pärt ausmachen lassen und die doch ihren eigenen Richtungen folgen. im zweiten Teil gehört Pamela Z die Bühne allein. Sie füllt sie mühelos mit ihrem unvergleichlich cleveren und tiefgründigen Umgang mit Sprache, Klang und allerlei Abrufbarem aus ihrem MacBook Pro (So, 13.30 Uhr, Kleiner Saal).